Rede Sonja Lechner Ladies Art Lunch Kunsthalle
Interview

Bissgurkige Weiber und ein Empire-Kleid

Warum diskreditieren Frauen ihre Geschlechtsgenossinnen, nur weil sie älter oder jünger sind? Warum spielt das Alter bei der Bewertung eines Menschen überhaupt so eine große Rolle? Auszüge aus der inspirierenden Rede von Dr. Sonja Lechner, anläßlich des Ladies Art Lunch in der Münchner Kunsthalle:

„Ich widme meine Rede heute einem Thema, das mir seit jeher in besonderem Maße am Herzen liegt, jedoch durch das Ereignis, welches ich nun zu schildern gedenke, zur Notwendigkeit wurde: der Solidarität unter Frauen. Ich war vor kurzem zu einem Empfang geladen worden, unterhielt mich dort mit einigen Gästen, als plötzlich eine Frau auf mich zugeschossen kam und begann, mich wüst zu beschimpfen. Auf meinen Hinweis, dass es sich um eine Verwechslung handeln müsse, da wir uns nicht kennen würden, reagierte sie mit noch mehr Intensität und unterstellte mir, dass die Tatsache meiner Nichtkenntnis ihrer Person eine Absicht verberge, sie bewusst ignorieren zu wollen.

Die traurige Wahrheit hingehen war, dass ich diese Dame tatsächlich zuvor erst einmal gesehen hatte, dass sie sich aber ihrerseits dennoch bereits ein Bild von mir gemacht hatte, da wir offenkundig in einem ansatzweise vergleichbaren Berufsspektrum selbstständig tätig sind. Als mir klar wurde, mit wem ich es zu tun hatte, war ich ob dieses Überfalls um so trauriger, handelte es sich doch um eine Geistesgröße aus der Generation meiner Mutter, deren überaus kluge Ausführungen ich als Studentin stets bewundert hatte.

Frauen, die durch Diversität punkten, nicht durch Konformität

Am selben Abend noch berichtete ich einer Freundin von diesem Angriff, woraufhin sie mir erzählte, dass ihr gerade Vergleichbares widerfahren sei: Sie hatte als Historikerin in einem internen Gremium einen von ihr erarbeiteten Vorschlag unterbreitet, die Häuser ihrer Heimatstadt mit Tafeln über die Geschichte von deren Bewohnern zu versehen und war von einer jungen Kollegin vor der Fachversammlung als zu alt für die Umsetzung eines solchen, auf Jahrzehnte angelegten Vorhabens gedemütigt worden.

Was kann umfassend gebildete, kluge Frauen dazu veranlassen, Ihnen fremde Personen in aller Öffentlichkeit zu diskreditieren, nur weil diese jünger oder älter sind sind? Für mich war die Kumulation der geschilderten Ereignisse der Anlass, einen Aufschrei zu formulieren, dass wir Frauen uns endlich auf unsere Inhalte besinnen sollten und Kategorien wie das Alter aus unserer Bewertung entfernen müssen, da diese uns daran hindern, das auszuüben, was notwendig ist, wollen wir Gleichberechtigung tatsächlich irgendwann umsetzen.

Es geht mir hierbei nicht um persönliche Befindlichkeiten, so unangemessen und unangenehm ein solcher Angriff auch war – es geht um die gesellschaftlichen Auswirkungen, die es hat, wenn wir Frauen uns bekämpfen, statt uns solidarisch zu verhalten. Gleichberechtigung wird immer ein Abstraktum bleiben, wenn wir uns weigern, Frauen unabhängiggig von deren Alter in die Positionen zu befördern, in denen sie tatsächlich etwas bewirken können und wenn wir nicht endlich lernen, uns ebenfalls völlig unabhängig von der Altersfrage als das zu schätzen, was wir sind: starke Frauen, die durch Diversität punkten, nicht durch Konformität.

„Persönlichkeit fängt da an, wo der Vergleich aufhört“, hat Karl Lagerfeld einst auf den Punkt gebracht und genau so ist es: Wenn wir mit uns im Reinen sind, ist es völlig unerheblich, ob die anderen Frauen um uns herum 20 oder 90 sind und welches Lebensmodel sie leben, ob in Vollzeit oder Teilzeit, ob mit Kindern oder ohne, ob mit Mann oder Frau oder ohne: dann können wir sie für das feiern, was sie leisten, und uns für unsere eigene Leistung würdigen lassen.

Neulich, ein Empire-Kleid tragend, wurde ich gefragt, ob ich schwanger sei, und auf das entsetzte Überprüfen meines Bauchvorkommens hin von der neben mir stehenden Dame mit einem weiteren Kompliment abgewatscht: Statt mich meiner straffbauchlichen Wohlgeformtheit zu versichern, entsprang folgender legendäre Satz dem Gehege ihrer Zähne: „Frau Dr. Lechner, Sie sind über 40! Sind sie doch froh, dass sie in Ihrem Alter überhaupt noch für schwanger gehalten werden.“

Lassen Sie uns in gegenseitiger Solidarität suhlen

Ich erzähle Ihnen all dies, weil es mir auf die Nerven geht, wenn wir uns zu Perfektion inszenieren und damit genau diesen bissgurkigen Weibern eine Plattform geben, die unseren Wert als Frau auf das Äußere reduziert. Ich hingegen halte nichts für attraktiver als Authentizität, als Authentizität, die Vielfalt feiert, alt und jung, groß und klein, üppig und dünn, schwarz und weiß, eben die ganze herrliche Buntheit des Lebens, zu der Erfolge genauso gehören wie Misserfolge und Komplimente ebenso wie die angeführten Gegenteile. 

Ich mag keine Menschen, die andere klein machen, um sich selber Größe zu verleihen, ich schätze diejenigen, die in sich ruhen, die zufrieden sind, mit dem, was sie eigenverantwortlich in ihrem Leben schaffen und deshalb gönnen können, die andere Frauen nicht als Gefahr sehen, nicht als Vergleichsobjekt und nicht als Projektionsfläche des eigenen Unglücks. Sibylle Berg hat es einst in einer Kolumne im Spiegel so formuliert: „Kraft in der eigenen Zugehörigkeit zu finden, heißt parteiisch zu sein. Es bedeutet, das zu tun, was Männer seit Ewigkeiten tun – dem eigenen Geschlecht den Vorzug geben“ – den Vorzug und eben nicht den Verriss. Lassen Sie uns in gegenseitiger Solidarität suhlen.“

Text: Dr. Sonja Lechner // Redaktion: Gesine Jordan // Fotos: www.Stefan-Heigl.de (2)

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.