Trachten-Experte Oliver Rauh mit Models
Interview

Vintage oder Bling-Bling?!

„Wenn Tracht benutzt wird, um mit schlechtem Geschmack Aufmerksamkeit zu erhaschen…“

Oliver Rauh ist Stylist, Fotograf und Mode-Experte. Weil der Franke aus Überzeugung Tracht trägt und dies auch gerne zeigt, avancierte er 2018 über Nacht auf Instagram zum Trachten-Guru. Seitdem kennt er jedes Dirndl-Label von Gmund bis Graz. #vipsinthecity sprach mit Rauh über Dreiteiler, Anti-Trends und warum Tracht keine Mode ist. 

#vipsinthecity: Wie hat sich der Trachten-Look und die Einstellung zu Tracht im Lauf der letzten Jahre verändert?

Oliver Rauh: Wir sind ja gottseidank alle mitanand Individualisten, aber bei der Tracht geht der persönliche Stil dann doch noch mit einigen in die falsche Richtung durch. Und die Entschuldigung „ich komme nicht aus München“ kann man dank sozialer Medien und Internet nicht mehr durchgehen lassen. Daher ist es einfach wunderbar und eine Wohltat für das modische Auge, daß vor allem der Trend „Tradition & Handwerk“ immer noch aktuell ist. Und so hat sich eben auch der Look verändert. Bei den Damen gibt es  immer noch viele hochgeschlossene Dirndl in eher dezenten Farben, Kombinationen von Trachtenrock mit Bluse und Janker sieht man inzwischen auch auf der Wiesn – die sind auch gut im Alltag zu kombinieren – und der wunderbare Dreiteiler hat inzwischen auch den Weg von meinem geliebten Tegernsee an die Isar geschafft.

Der Look hat sich natürlich etwas geändert, auch die Tracht geht mit der Zeit: Die Schnitte von Joppen und Hemden werden schmaler, Stoffe werden leichter und easy-to-fit. Dirndl gibt es nicht nur in coolen Samt-Baumwoll-Kombinationen sondern auch aus Leder. Handstrick ist schwer im Kommen und gekonnter Mustermix. Die jungen Labels sorgen dafür, die Tradition mit Respekt zu modernisieren. Wenn man die richtigen Teile aussucht und gekonnt kombiniert, dann ist Tracht eben alltagstauglich, vom Tegernsee bis Berlin. Die Lederhose hat an der Isar bereits die abgeschnittene Jeans im Sommer abgelöst und Frauen gehen selbstverständlich im Dirndl ins Büro oder kombinieren ihren Janker mit coolen Sneakers.

Du hast gerade mehrere Trachten-Fashion-Shows besucht – welche Trends gibt es?

Grundsätzlich hat Tracht ja erst mal nichts mit Trend zu tun. Sie beruht ja auf Tradition, läßt aber einen gewissen Spielraum für die persönliche Note außerhalb des Trachtenvereins. Tradition ist sicherlich immer noch der Haupttrend. Das habe ich als Botschafter auf der Fachmesse Tracht & Country sehen dürfen, aber auch bei den Präsentationen der Münchner Manufaktur, von Amsel, beim Pressefrühstück von Lodenfrey am Dom, bei Angermaier (da gibt es wieder Kooperation mit Distorted People oder Cathy Hummels) oder dem Influencer-Event der Trachtlerin.

Bei den Dirndln sind auch dieses Jahr die unkomplizierten, alterslosen Waschdirndl aus Baumwolle beliebt, Mieder mit Trachtenrrock oder nachwievor elegante Samtdirndl. Immer öfter sieht man wieder das Schößchen und Handbesticktes. Es gibt neben den traditionellen Uni-Stoffen mehr Blumenmuster und Streifen. Die Haupttrendfarben sind Blautöne (da gerne kräftig), Grüntöne, vom schmeichelndem Oliv bis zum klaren Tannengrün, Kirschrot, sowie Taupé und Grau.

Bei den Buam bleibt meist ihr „Dirndl“ das schönste Accessoire. Aber Spaß beiseite, a gscheide Krachlederne (neu oder vom Opa vererbt), ein Hemd mit Pfoad (am besten mit den Initialen bestickt), eine passende Weste und Man(n) ist angezogen. Wenn es kälter wird gern eine Strickweste oder ein perfekt sitzender Janker dazu. Wichtig sind die Details: Hut, Hosenträger, Charivari (bitte nur in Silber und Jahr für Jahr gesammelt), Loaferl (bitte die mitgelieferten Füßlinge von der Stange weglassen!!!) und Haferlschuhe. Die „Trendsetter“ trauen sich auch im Trachtenanzug auf die Wiesn oder holen die Kniebundhose wieder aus dem Schrank. Der „Anti-Trend“ bleiben weiterhin großkarierte Hemden für den Mann und Polyester-Dirndl mit Spitzenschürze für die Frau.

Wie erklärst Du Dir den Hype der Vintage-Tracht? Labels wie Gottseidank, Münchner Manufaktur, Lena Hoschek  oder Hund sans scho gehen wie geschnitten Brot…

…oder Buamagwand, Bellasusa, Trachtlerin, Viererspitz, Amsel, Josef & Anna, Pezzo u.v.m. stehen für die „neue Tradition“. Ich denke der Hype ist der Gegenpol zur multimedialen und unpersönlichen Welt. Sehnsucht nach Individuellem und Handgemachten, Anfassen, Spüren… Ich finde, daß Tracht Menschen zum einen verbindet und zum anderen tatsächlich schöner macht. Ist es nicht spannend, dass die eben genannten Labels vor allem durch Social Media bekannt wurden bzw. werden? Da ergänzen sich Tradition und Moderne perfekt. Aber alle Labels sind authentisch, greifbar und ehrlich – und perfekt, aber unkompliziert gestylt. Da wird auch mal ein unretuschierter Schnappschuss ein Post.

Das Wichtigste: Alle haben eine Story zu erzählen. Im Gegensatz zu den durchgefilterten und perfekt gestylten Bloggern im Einheits-Look. Es gibt ein großes Trachtenhaus, das grade mit Influencern eine Kampagne laufen hat. Alles wirklich schön gemacht, nur ich nehme keinem die Liebe zur Tracht ab. Vor allem nicht in ihren bezahlten Postings. Tracht darf eben keine „Mode“ sein, sondern ist eine Lebenseinstellung. Gute Tracht ist etwas Wertvolles: weil sie zeitlose Schnitte hat und in hochwertiger Qualität gefertigt wird. Damals wie heute. Es werden Lieblingsstücke produziert, die alltagstauglich und langlebig sind. Nichts ist nachhaltiger, als das Dirndl oder die Lederhose von den Eltern. Tracht ist kein Kostüm für die Wiesn – sondern eine Ansichtssache!

Beim Trachten-Umzug zum Oktoberfest sehen wir die alte, volkstümliche Trachtenmode – ist die nun auch „in“ ?

Da gibt es kein „in“ oder „out“, sondern nur ein richtig und inspirierend.  Die Arbeit der Trachtenvereine und der Trachtenliebhaber ist extrem wichtig für den Erhalt vieler Handwerke und unserer Tradition. Nicht nur was das Gwand angeht, sondern auch die Musik. Wichtig ist nur, daß auch Tradition offen für Neues ist. Eine Modernisierung ist bei einigen Festen, auf der Wiesn oder eben auch bei den jungen „Gwandmachern“, zu sehen und positiv zu spüren.

Das Bling-Bling-Dirndl hat aber noch nicht ausgesorgt – vor allem die nicht-bayerischen-Society-Ladys tragen gerne viel Glitzer…

Naja für jeden gibt es das passende Kleid. Aber in manchen Promizelten kommt man sich eher wie im Kasperlzelt vor. Da steht die Tracht im Hintergrund und wird benutzt, um mit schlechtem Geschmack Aufmerksamkeit zu erhaschen. Und trotzdem schauen wir uns alle am ersten Wiesn-Donnerstag die Klatschpresse mit ihren Wiesn-Specials an. Beste modische Gaudi! I gfrei mi schon drauf. Ich hatte letztes Jahr eine Whatsapp-Gruppe für die größten Faux-Pas der Wiesn. Das Album war leider voll mit Beispielen schlimmster „Verschandelung“ der bayerischen Tracht.

Lola Paltinger hat vor 20  Jahren die Dirndl-Revolution ausgelöst – sie hat die alten Schnitte durch eine ungewöhnliche Stoffwahl und phantasievolle Details neu interpretiert. Sie hat neue Trends geschaffen. Und immer wenn ihr Design kopiert wurde, schaffte sie es, Neue zu kreieren. Welchen Stellenwert hat Lola Deiner Meinung nach?

Erst auch nochmal hier: „Ois Guade“ und dickes Jubiläumsbusserl, liebe Lola. Sie ist einfach einzigartig. Sie macht definitiv keine klassische Tracht. Lola schafft Theater, Kunstwerke und das immer in ihrem typischen Look der 40er Jahre in Hollywood. Da kam es auch nicht von ungefähr, daß Starfotografin Ellen von Unwerth sich in ihre Mode verliebte und ihr Kunstband „Heimat“ voll von Lolas Schneiderkünsten ist. So hat es Lola indirekt in viele Kunstgalerien weltweit geschafft. Haute Couture goes Art.

In ihren Kreationen muß nur die richtige Frau drin stecken. Bei manchen wirkt es gewollt, andere dagegen fangen an zu strahlen und den Glam zu genießen. Lola hat definitiv die internationalste Fangemeinde und ist so als Botschafterin von modischer Lebensfreude weltweit bekannt. Das beste Model übrigens ist immer sie selbst. Und an ihr sieht Lola auch am schönsten aus, weil sie es einfach selbstverständlich trägt. Was ich auf der Messe gesehen habe und euch schon mal verrate: Lola kann auch schlichter und bleibt trotzdem ihrer Handschrift treu. Lasst euch überraschen!

Interview: (c) Gesine Jordan

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